Ein Baum

Du kennst mich schon seit jungen Jahren,
bist schon oft an mir vorbeigefahren.
Manchmal bin ich Mann und manchmal Frau,
weithin jedoch beides,
ich nehm’ das nicht so sehr genau.

Wie auch du bin ich nicht gern allein,
und auch ich mag sehr den Sonnenschein.
Bisweilen bin ich durstig wie auch du,
und mag es nicht fügt man mir Qualen zu.

Mein prachtvoll Haupt im Sommer stolz gehoben,
denn auch bei mir gib’s unten sowie oben.
Grundsolide ist mein Unterbau,
doch ich Ihn stelle nicht zu Schau.

Ich überdauern kann Dekaden,
viel kürzer dagegen dein Lebensfaden.
Dies du oft scheinst zu vergessen,
denn du mich tötest wie besessen.

Ohne mich du kannst nicht sein,
ohne Dich ich fühl mich fein.
Zeit mir du nicht lässt um zu genesen,
dies nicht immer so gewesen.

Ein alter Freund, er steht gleich neben mir,
spricht oft von einer neuzeitlichen Gier.
Er dich nicht versteht bis heute,
du wie damals immer suchst nach Beute.

In frühen Zeiten zweifelsfrei zum Überleben,
um später nur mehr anzugeben.
Er vermisst die Ruhe und das wilde Tier,
beides trifft man heut’ eher selten hier.

Diese Ruh’ ich konnt’ sie nie genießen,
mein Leben vor Dekaden erst begann zu sprießen.
Mein Freund hier neben mir an meiner Seite,
bekundet dass er dich schon seit Jahrhunderten begleite.

Viele Jahre du gelaufen bist,
viele Flaggen währenddessen du gehisst.
Viele Reiche gingen auf und nieder,
doch gelaufen bist Du immer wieder.

Ich da gänzlich anders bin,
Im Laufen sehe ich sehr wenig Sinn.
Mir da liegt schon eher die Ruh’,
bleibe wo ich bin und brauch’ kein Schuh’.

Den Boden unter mir ich stetig eruir’,
im Gegensatz dazu zu Dir:
Du alles unter Dir zerstörst,
und dabei du dich kaum umhörst,
was and’re Lebewesen dir oft sagen,
Du nur stellst die falschen Fragen.

Am Ende du musst wieder laufen,
mit deines Gleichen dich dann raufen.
Ihr schießt euch gegenseitig tot,
und meines Gleichen ist darauf in Not.

Dies Schicksal uns schon ewig lang verbindet,
dein Verständnis dafür immer wieder schwindet.
Eines Tages dann Maschinen kamen,
und vielen von uns das Leben nahmen.

Seit ich bin auf dieser Welt,
wurde uns stark nachgestellt.
Und eines glaube mir,
ich lebe länger als so manches Tier.

Wahrlich sind wir grundverschieden,
ich wünscht ich hätte dich gemieden,
denn was du tust mit mir und meines Gleichen …
ganze Züge voller Leichen.

Geseh‘n ich habe viele deines Gleichen,
derweil liegen neben mir nun ihre Leichen.
Und die Leichen meines Gleichen,
auf ihnen deines Gleichen Melodien streichen.

Doch eines haben wir gemein,
nach deinem Tode bist du mein,
nach meinem Tode bin ich dein,
so war es – und so wird es ewig sein.

CC_BY_NC_SASpeefak | inspired by Everseiche | Terrax Doku

 

Kategorie(n): Eigene Werke, Literatur

Eine Antwort auf Ein Baum

    Schreibe einen Kommentar

    Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

     

    Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.