{"id":3523,"date":"2014-05-19T14:03:29","date_gmt":"2014-05-19T12:03:29","guid":{"rendered":"http:\/\/speefak.spdns.de\/oss_lifestyle\/?p=3523"},"modified":"2014-05-19T14:03:29","modified_gmt":"2014-05-19T12:03:29","slug":"anekdote-zur-senkung-der-arbeitsmoral-von-heinrich-boell","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/speefak.spdns.de\/oss_lifestyle\/anekdote-zur-senkung-der-arbeitsmoral-von-heinrich-boell\/","title":{"rendered":"Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral &#8211; von Heinrich B\u00f6ll"},"content":{"rendered":"<div class=\"textLayer\">\n<p>In einem Hafen an einer westlichen K\u00fcste Europas liegt ein \u00e4rmlich gekleideter Mann in seinem Fischerboot<br \/>\nund d\u00f6st. Ein schick angezogener Tourist legt eben einen neuen Farbfilm in seinen Fotoapparat, um das<br \/>\nidyllische Bild zu fotografieren: blauer Himmel, gr\u00fcne See mit friedlichen schneewei\u00dfen Wellenk\u00e4mmen,<br \/>\nschwarzes Boot, rote Fischerm\u00fctze. Klick. Noch einmal: klick, und da aller guten Dinge drei sind, und sicher<br \/>\nsicher ist, ein drittes Mal: klick. Das spr\u00f6de, fast feindselige Ger\u00e4usch weckt den d\u00f6senden Fischer, der sich<br \/>\nschl\u00e4frig aufrichtet, schl\u00e4frig nach seiner Zigarettenschachtel angelt, aber bevor er das Gesuchte gefunden, hat<br \/>\nihm der eifrige Tourist schon eine Schachtel vor die Nase gehalten, ihm die Zigarette nicht gerade in den Mund<br \/>\ngesteckt, aber in die Hand gelegt, und ein viertes Klick, das des Feuerzeuges, schlie\u00dft die eilfertige H\u00f6flichkeit<br \/>\nab. Durch jenes kaum messbare, nie nachweisbare Zuviel an flinker H\u00f6flichkeit ist eine gereizte Verlegenheit<br \/>\nentstanden, die der Tourist \u2013 der Landessprache m\u00e4chtig \u2013 durch ein Gespr\u00e4ch zu \u00fcberbr\u00fccken versucht.<br \/>\n\u201eSie werden heute einen guten Fang machen.\u201c<br \/>\nKopfsch\u00fctteln des Fischers.<br \/>\n\u201eAber man hat mir gesagt, dass das Wetter g\u00fcnstig ist.\u201c<br \/>\nKopfnicken des Fischers.<br \/>\n\u201eSie werden also nicht ausfahren?\u201c<br \/>\nKopfsch\u00fctteln des Fischers, steigende Nervosit\u00e4t des Touristen. Gewiss liegt ihm das Wohl des \u00e4rmlich<br \/>\ngekleideten Menschen am Herzen, nagt an ihm die Trauer \u00fcber die verpasste Gelegenheit.<br \/>\n\u201eOh, Sie f\u00fchlen sich nicht wohl?\u201c<br \/>\nEndlich geht der Fischer von der Zeichensprache zum wahrhaft gesprochenen Wort \u00fcber. \u201eIch f\u00fchle mich<br \/>\ngro\u00dfartig\u201c, sagt er. \u201eIch habe mich nie besser gef\u00fchlt.\u201c Er steht auf, reckt sich, als wollte er demonstrieren,<br \/>\nwie athletisch er gebaut ist. \u201eIch f\u00fchle mich phantastisch.\u201c<br \/>\nDer Gesichtsausdruck des Touristen wird immer ungl\u00fccklicher, er kann die Frage nicht mehr unterdr\u00fccken,<br \/>\ndie ihm sozusagen das Herz zu sprengen droht: \u201eAber warum fahren Sie dann nicht aus?\u201c<br \/>\nDie Antwort kommt prompt und knapp. \u201eWeil ich heute morgen schon ausgefahren bin.\u201c<br \/>\n\u201eWar der Fang gut?\u201c<br \/>\n\u201eEr war so gut, dass ich nicht noch einmal auszufahren brauche, ich habe vier Hummer in meinen K\u00f6rben<br \/>\ngehabt, fast zwei Dutzend Makrelen gefangen &#8230;\u201c<br \/>\nDer Fischer, endlich erwacht, taut jetzt auf und klopft dem Touristen beruhigend auf die Schultern. Dessen<br \/>\nbesorgter Gesichtsausdruck erscheint ihm als ein Ausdruck zwar unangebrachter, doch r\u00fchrender K\u00fcmmernis.<br \/>\n\u201eIch habe sogar f\u00fcr morgen und \u00fcbermorgen genug\u201c, sagt er, um des Fremden Seele zu erleichtern. \u201eRauchen Sie<br \/>\neine von meinen?\u201c<br \/>\n\u201e Ja, danke.\u201c<br \/>\nZigaretten werden in M\u00fcnder gesteckt, ein f\u00fcnftes Klick, der Fremde setzt sich kopfsch\u00fcttelnd auf den Bootsrand,<br \/>\nlegt die Kamera aus der Hand, denn er braucht jetzt beide H\u00e4nde, um seiner Rede Nachdruck zu verleihen.<br \/>\n\u201eIch will mich ja nicht in Ihre pers\u00f6nlichen Angelegenheiten mischen\u201c, sagt er, \u201eaber stellen Sie sich mal vor,<br \/>\nSie f\u00fchren heute ein zweites, ein drittes, vielleicht sogar ein viertes Mal aus, und Sie w\u00fcrden drei, vier, f\u00fcnf,<br \/>\nvielleicht gar zehn Dutzend Makrelen fangen &#8230; stellen Sie sich das mal vor .\u201c<br \/>\nDer Fischer nickt.<br \/>\n\u201eSie w\u00fcrden\u201c, f\u00e4hrt der Tourist fort, \u201enicht nur heute, sondern morgen, \u00fcbermorgen, ja, an jedem g\u00fcnstigen Tag<br \/>\nzwei-, dreimal, vielleicht viermal ausfahren \u2013 wissen Sie, was geschehen w\u00fcrde?\u201c<br \/>\nDer Fischer sch\u00fcttelt den Kopf.<br \/>\n\u201eSie w\u00fcrden sich sp\u00e4testens in einem Jahr einen Motor kaufen k\u00f6nnen, in zwei Jahren ein zweites Boot, in drei<br \/>\noder vier Jahren k\u00f6nnten Sie vielleicht einen kleinen Kutter haben, mit zwei Booten oder dem Kutter w\u00fcrden Sie<br \/>\nnat\u00fcrlich viel mehr fangen \u2013 eines Tages w\u00fcrden Sie zwei Kutter haben, Sie w\u00fcrden &#8230;\u201c, die Begeisterung<br \/>\nverschl\u00e4gt ihm f\u00fcr ein paar Augenblicke die Stimme, \u201eSie w\u00fcrden ein kleines K\u00fchlhaus bauen, vielleicht eine<br \/>\nR\u00e4ucherei, sp\u00e4ter eine Marinadenfabrik, mit einem eigenen Hubschrauber rundfliegen, die Fischschw\u00e4rme<br \/>\nausmachen und Ihren Kuttern per Funk Anweisungen geben, Sie k\u00f6nnten die Lachsrechte erwerben, ein<br \/>\nFischrestaurant er\u00f6ffnen, den Hummer ohne Zwischenh\u00e4ndler direkt nach Paris exportieren \u2013 und dann &#8230;\u201c, wieder<br \/>\nverschl\u00e4gt die Begeisterung dem Fremden die Sprache. Kopfsch\u00fcttelnd, im tiefsten Herzen betr\u00fcbt, seiner<br \/>\nUrlaubsfreude schon fast verlustig, blickt er auf die friedlich hereinrollende Flut, in der die ungefangenen Fische<br \/>\nmunter springen.<br \/>\n\u201eUnd dann\u201c, sagt er, aber wieder verschl\u00e4gt ihm die Erregung die Sprache. Der Fischer klopft ihm auf den<br \/>\nR\u00fccken, wie einem Kind, das sich verschluckt hat. \u201eWas dann?\u201c, fragt er leise.<br \/>\n\u201eDann\u201c, sagt der Fremde mit stiller Begeisterung, \u201edann k\u00f6nnten Sie beruhigt hier im Hafen sitzen, in der Sonne<br \/>\nd\u00f6sen \u2013 und auf das herrliche Meer blicken.\u201c<br \/>\n\u201eAber das tue ich ja schon jetzt\u201c, sagt der Fischer, \u201eich sitze beruhigt am Hafen und d\u00f6se, nur Ihr Klicken hat<br \/>\nmich dabei gest\u00f6rt.\u201c<br \/>\nTats\u00e4chlich zog der solcherlei belehrte Tourist nachdenklich von dannen, denn fr\u00fcher hatte er auch einmal<br \/>\ngeglaubt, er arbeite, um eines Tages einmal nicht mehr arbeiten zu m\u00fcssen, und es blieb keine Spur von Mitleid<br \/>\nmit dem \u00e4rmlich gekleideten Fischer in ihm zur\u00fcck, nur ein wenig Neid.<\/p>\n<div><\/div>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In einem Hafen an einer westlichen K\u00fcste Europas liegt ein \u00e4rmlich gekleideter Mann in seinem Fischerboot und d\u00f6st. 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