{"id":3027,"date":"2015-03-17T19:14:29","date_gmt":"2015-03-17T18:14:29","guid":{"rendered":"http:\/\/speefak.spdns.de\/oss_lifestyle\/?p=3027"},"modified":"2024-06-02T14:04:51","modified_gmt":"2024-06-02T12:04:51","slug":"sinnlose-jobs-wie-arbeit-die-gesellschaft-krank-macht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/speefak.spdns.de\/oss_lifestyle\/sinnlose-jobs-wie-arbeit-die-gesellschaft-krank-macht\/","title":{"rendered":"Sinnlose Jobs \u2013 wie Arbeit die Gesellschaft krank macht"},"content":{"rendered":"<p>Etwa 70 Prozent aller Jobs sind gesellschaftlich \u00fcberfl\u00fcssig. Gleichzeitig werden wichtige Jobs gestrichen oder nicht bezahlt. Was l\u00e4uft da falsch?<\/p>\n<hr \/>\n<h2>Das Ende der Arbeit<\/h2>\n<p>Im Jahre 1930 sagte der ber\u00fchmte \u00d6konom John Maynard Keynes voraus, dass die technologische Entwicklung die Welt schon zur Jahrtausendwende in ein kleines Schlaraffenland verwandelt haben w\u00fcrde: Dank der Hilfe der Maschinen m\u00fcsste kein Mensch mehr als 15 Stunden arbeiten und die Menschheit w\u00e4re frei, ihre Genialit\u00e4t anderen Dingen zu widmen.<\/p>\n<p>Auch heute versichern uns zahlreiche Forscher, dass die meiste Arbeit im Grunde \u00fcberfl\u00fcssig ist und wir das von Keynes beschriebene Utopia schon l\u00e4ngst erreicht haben.<br \/>\nTechnologisch sind wir dazu durchaus in der Lage. Und doch ist es nicht geschehen. Stattdessen wurde Technologie dazu verwendet, neue Wege zu finden, uns alle noch mehr arbeiten zu lassen. Um dies zu erreichen, mussten Arbeitspl\u00e4tze geschaffen werden, die \u2013 praktisch gesehen \u2013 sinnlos sind. Insbesondere in Europa und Nordamerika verbringen weite Teile der Bev\u00f6lkerung ihre gesamte Arbeitszeit mit der Durchf\u00fchrung von Aufgaben, von denen sie selbst heimlich wissen, dass sie gar nicht gebraucht werden. Der moralische und geistige Schaden, der aus dieser Situation entsteht, ist tiefgreifend. Er ist eine Narbe quer \u00fcber unsere kollektive Seele. Doch fast niemand spricht dar\u00fcber\u201c, beklagte 2013 der Anthropologe David Graeber die Situation in seinem ber\u00fchmten Aufsatz \u201eOn the Phenomenon of Bullshit Jobs<\/p>\n<hr \/>\n<h2>Bullshit Jobs<\/h2>\n<p>Warum ist die Arbeit also trotz des technischen Fortschritts, der die k\u00fchnsten Erwartungen von Herrn Keynes noch weit \u00fcbertroffen haben d\u00fcrfte, nicht verschwunden? Die vermeintlich offensichtliche Erkl\u00e4rung, dass einfach die Produktion und der Konsum ebenso dramatisch zugenommen haben, erweist sich als statistisch ebenso unhaltbar wie die Idee, dass die Welt heute eben so komplex sei, dass sie ein riesiges mittleres Management br\u00e4uchte.<\/p>\n<p>Denn w\u00e4hrend der Gro\u00dfteil der \u201eproduktiven Arbeit\u201c in Landwirtschaft, Fabriken und \u00e4hnlichen Bereichen mittlerweile tats\u00e4chlich von Maschinen verrichtet wird, hat sich ein v\u00f6llig neuer Arbeitsbereich gebildet, der mittlerweile bis zu drei Viertel der gesamten Arbeitspl\u00e4tze ausmacht.<\/p>\n<p>Es sind die Call-Center, Finanzberater, PR-Fachleute, Social-Media-Experten, Wirtschaftjuristen, 24-Stunden-Supermarktkr\u00e4fte und all die anderen seltsamen Jobs im Dienstleitungs-Bereich, deren Aufkommen Herr Keynes wohl nicht im Entferntesten erahnen konnte.<br \/>\nEs ist, als s\u00e4\u00dfe irgendwo jemand, der sich sinnlose Jobs ausdenkt, nur um daf\u00fcr zu sorgen, dass wir weiterhin arbeiten\u201c, wunderte sich Graeber im bereits zitierten Aufsatz. Aber es ist sogar noch mysteri\u00f6ser:<br \/>\nIn unserer Gesellschaft scheint es eine allgemeine Regel zu geben, dass man um so schlechter bezahlt wird, je offensichtlicher die eigene Arbeit anderen Menschen nutzt. Auch hier ist eine objektive Beurteilung nat\u00fcrlich schwer zu finden, aber eine einfache M\u00f6glichkeit, ein Gef\u00fchl daf\u00fcr zu bekommen, w\u00e4re zu fragen: Was w\u00fcrde passieren, wenn diese gesamte Berufsgruppe einfach verschwinden w\u00fcrde? Bei Krankenschwestern, M\u00fcllm\u00e4nnern oder Mechanikern ist es offensichtlich, dass \u2013 sollten diese je in einer Rauchwolke aufgehen \u2013 die Folgen augenblicklich und katastrophal w\u00e4ren. Eine Welt ohne Lehrer oder Hafenarbeiter w\u00e4re ebenfalls irgendwann in Schwierigkeiten, und sogar ohne Science-Fiction-Schriftsteller oder Ska-Musiker w\u00e4re diese Welt ein geringerer Ort. Es ist aber nicht ganz klar, wie genau die Menschheit leiden w\u00fcrde, wenn alle Private-Equity-CEOs, Lobbyisten, PR-Forscher, Versicherungsmathematiker, Telemarketer, Gerichtsvollzieher oder Rechtsberater \u00e4hnlich pl\u00f6tzlich verschwinden w\u00fcrden. (Viele vermuten sogar, dass es die Welt deutlich verbessern k\u00f6nnte.)\u201c<br \/>\nDie Situation scheint in der Tat absurd und wird immer absurder, je n\u00e4her man hinschaut. W\u00e4hrend die Arbeit knapp wird, sinken immer gr\u00f6\u00dfere Teile der Bev\u00f6lkerung in die Arbeitslosigkeit, wo sie aber nicht als Betroffene eines erkrankten System begriffen, sondern von den Medien als Parasiten der Gesellschaft verteufelt werden. Ein gro\u00dfer Teil der arbeitenden Bev\u00f6lkerung wiederum h\u00e4ngt in Jobs fest, die sinnlos sind. Damit nicht genug: Diese Menschen arbeiten oft auch noch 10-Stunden-Tage in diesen Jobs, oder haben \u2013 wie oftmals in den USA \u2013 gleich drei solcher Besch\u00e4ftigungen, um ihre Familien zu ern\u00e4hren.<\/p>\n<hr \/>\n<h2>Arbeit und die kranke Gesellschaft<\/h2>\n<p>Der spirituelle Schaden, der so am Menschen verursacht wird, ist gar nicht zu ermessen. Und doch wird dieser Sachverhalt erstaunlicherweise kaum wirklich ernsthaft diskutiert. Die Emp\u00f6rung \u00fcber dieses globale Verbrechen an der menschlichen Seele, \u00fcber die gewaltige Verschwendung an Kreativit\u00e4t und Ressourcen bleibt erstaunlicherweise aus, so sehr ist es Normalit\u00e4t geworden.<\/p>\n<p>Arbeit hat sich l\u00e4ngst von seiner eigentlichen Funktion entfremdet \u2013 n\u00e4mlich einen n\u00fctzlichen Beitrag f\u00fcr die Gemeinschaft der Menschen zu leisten \u2013 und erf\u00fcllt nurmehr vor allem die Funktion, Gewinne f\u00fcr eine kleine Elite zu erwirtschaften und den Status Quo aufrecht zu erhalten. Es geht nicht mehr um den Nutzen der Arbeit und nat\u00fcrlich schon l\u00e4ngst nicht mehr um den kreativen Ausdruck des Menschen. Trotzdem wird Arbeit heute beinahe glorifiziert als etwas in sich selbst Moralisches, ohne dass der Mensch nurmehr eine parasit\u00e4re Last f\u00fcr die Gesellschaft darstellen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Weder im Kapitalismus, noch im Kommunismus fand eine Kritik der Arbeit selbst statt \u2013 und in beiden Systemen treten sinnlose Jobs in gleicher Weise auf, wenn auch aus anderen Gr\u00fcnden. Arbeit scheint etwas Unantastbares an sich zu haben \u2013 a<span lang=\"de-DE\">uch aufgrund dieses seltsamen moralischen Status der Arbeit, f\u00e4llt eine deutliche Kritik offenbar schwer. Und das, obwohl die Folgen mittlerweile recht dramatisch sind.<\/span><\/p>\n<p>In China sterben mittlerweile 600.000 Menschen pro Jahr an \u00dcberarbeitung, und zwar ganz direkt, wie im bekannten Fall des PR-Mitarbeiters Gabriel Li, der nach einem Arbeits-Marathon <a href=\"http:\/\/gawker.com\/ad-agency-employee-drops-dead-in-office-from-work-rela-507499826\">einfach tot vom Stuhl fiel<\/a>. Oder die indonesische Werbetexterin, <a href=\"https:\/\/twitter.com\/mitdoq\">deren letzter Tweet<\/a> \u201e30 Stunden Arbeit und noch immer Top-Fit\u201c noch immer auf Twitter zu lesen ist. Wenige Stunden nach diesem Tweet starb auch sie \u2013 an einer Kombination aus Ersch\u00f6pfung und zu vielen Energy-Drinks.<\/p>\n<p>Doch diese spektakul\u00e4ren Tode sind nur mehr die Spitze des Eisbergs. S\u00e4mtliche Gesundheitsorganisationen sind sich einig, dass es eine wahre Epidemie an arbeitsbedingten Stress-Erkrankungen, Burn-Out, Depressionen, Angst-Zust\u00e4nden und den daraus resultierenden physischen Leiden gibt. Der gesellschaftliche Umgang mit Arbeit fordert einen hohen Preis.<\/p>\n<hr \/>\n<h2>Arbeit kann Folter sein<\/h2>\n<p>In russischen Gefangenenlagern pflegte man Menschen dadurch zu brechen, dass sie 12-Stunden am Tag v\u00f6llig sinnlose Arbeiten erledigen mussten \u2013 etwa Steine von einem Haufen auf den anderen und wieder zur\u00fcck zu bef\u00f6rdern. W\u00e4hrend harte Arbeit allein die Menschen zwar ersch\u00f6pfte, vermochte nur die offensichtliche Sinnlosigkeit des Tuns die Menschen wirklich zu zerr\u00fctten, wie man bald herausgefunden hatte. Es gibt wenig Furchtbareres f\u00fcr ein menschliches Wesen, als sein Leben mit etwas vollst\u00e4ndig Sinnlosem zu verbringen.<\/p>\n<p>Und doch tun es Millionen von uns, jeden Tag. Die Tragweite der gegenw\u00e4rtigen Umst\u00e4nde ist uns allen kaum mehr bewusst, so normal ist der Wahnsinn mittlerweile geworden.<\/p>\n<p>Noch weniger bewusst d\u00fcrfte den meisten sein, dass dieses System nicht zuf\u00e4llig entstanden ist.<br \/>\nDie herrschende Klasse hat schnell erkannt, dass eine gl\u00fcckliche und produktive Bev\u00f6lkerung mit einem Haufen Freizeit f\u00fcr sie eine t\u00f6dliche Gefahr darstellt. Und die Idee, dass Arbeit an sich ein moralischer Wert zukommt, und dass jeder, der nicht bereit ist, sich f\u00fcr den Gro\u00dfteil seiner wachen Stunden irgendeiner Art von intensiver Arbeits-Disziplin zu unterziehen, auch nichts verdient, ist au\u00dferordentlich bequem f\u00fcr sie.\u201c so Graeber.<br \/>\n<span lang=\"de-DE\">Dass Arbeit allein den Sinn erf\u00fcllt, unsere gemeinsamen Bed\u00fcrfnisse zu befriedigen und uns als Wesen auszudr\u00fccken und zu entfalten, hat die Menschheit scheinbar l\u00e4ngst vergessen und so dreht sie sich nunmehr in einem Hamsterrad, das sie gar nicht mehr als solches erkennt.<\/span><\/p>\n<hr \/>\n<h2>L\u00f6sungen<\/h2>\n<p>Wie kommt die Gesellschaft aus dieser Situation heraus? Der erste Schritt ist sicherlich, Arbeit von ihrem moralischen Podest zu heben und zu erkennen, dass unser heutiges, auf Arbeit aufbauendes System ohnehin dem Untergang geweiht ist. Um die Bed\u00fcrfnisse der Menschheit zu erf\u00fcllen, w\u00e4ren wohl wenig mehr als 4 Arbeitsstunden pro Tag n\u00f6tig. Unsere politischen und wirtschaftlichen Systeme arbeiten jedoch noch immer mit der Illusion der Vollbesch\u00e4ftigung, die es nie wieder geben kann und wird.<\/p>\n<p>Der n\u00e4chste wichtige Schritt ist ziviler Ungehorsam im Sinne der Verweigerung gegen\u00fcber sinnlosen Jobs und dem Konsum sinnloser Produkte. Was dabei \u201esinnlos\u201c bedeutet, muss nat\u00fcrlich jeder Mensch f\u00fcr sich selbst entscheiden.<\/p>\n<p>Zuletzt gibt es zahlreiche Ans\u00e4tze \u2013 wie etwa das bedingungslose Grundeinkommen oder alternative Wirtschaftsmodelle \u2013 die versuchen, eine neue Vision der Gesellschaft zu entwickeln. In einigen L\u00e4ndern, wie etwa der Schweiz, w\u00e4re ein System wie das Grundeinkommen mit etwas Engagement der Bev\u00f6lkerung vermutlich zeitnah durchsetzbar. Von oben allerdings werden solche Ver\u00e4nderungen wohl kaum zu erwarten sein.<\/p>\n<p>Es braucht eine Neudefinition von Arbeit, mit einer Diskussion, die sich vor allem daran orientiert, welchen Beitrag eine Arbeit f\u00fcr die Gesellschaft leistet. Warum werden eine Mutter oder ein Vater nicht bezahlt, ein Investmentbanker\u00a0aber schon? Vor allem die Arbeiten, die anderen Menschen wirklich helfen, sollten nicht am Rande der Gesellschaft stehen, sondern in ihrer Mitte.<\/p>\n<address><a href=\"https:\/\/www.sein.de\/sinnlose-jobs-wie-arbeit-die-gesellschaft-krank-macht\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Quelle<\/a><\/address>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Etwa 70 Prozent aller Jobs sind gesellschaftlich \u00fcberfl\u00fcssig. Gleichzeitig werden wichtige Jobs gestrichen oder nicht bezahlt. Was l\u00e4uft da falsch? 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